Lehrerin kaffetrinkend im Lehrerzimmer
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Veröffentlichung: 16.07.2026

Stressmanagement für Lehrerinnen & Lehrer: „A little is a lot“ – wie kleine Veränderungen im Schulalltag langfristig entlasten können

Wie lässt sich der Schulalltag bewusster und kraftsparender gestalten? In diesem Gastbeitrag teilt Christiane Götte Erfahrungen aus fast 20 Jahren Schule und verbindet diese mit Impulsen aus dem Stressmanagement und finnisch inspirierten Werten.
Christiane Götte
Christiane Götte
Gastautorin

Wenn Lehrkräfte über Belastungen im Schulalltag sprechen, landen wir schnell bei den großen Themen: zu wenig Personal, zu große Klassen, zu viel Bürokratie und immer neue Aufgaben, die zusätzlich auf dem Tisch landen. Und ganz ehrlich: Vieles davon stimmt. Natürlich würden bessere Rahmenbedingungen den Schulalltag spürbar erleichtern.

Trotzdem habe ich mich irgendwann gefragt, was wir bis dahin tun. Denn die Realität sieht so aus, dass wir morgen früh wieder vor unserer Klasse stehen. Wir können nicht darauf warten, dass sich das System irgendwann verändert. Das bedeutet nicht, dass wir aufhören sollten, uns bessere Bedingungen zu wünschen. Es bedeutet aber, dass wir Wege brauchen, die uns schon heute helfen.

Warum klassische Stressbewältigung oft zu kurz greift

Die meisten Strategien zur Stressbewältigung setzen nach der Schule an. Wir sprechen über Entspannung am Abend, Bewegung am Wochenende oder Erholung in den Ferien. Das alles hat seine Berechtigung. Der Stress entsteht jedoch viele Stunden früher, zwischen dem ersten Klingeln und dem Unterrichtsschluss.

Deshalb beschäftigt mich heute weniger die Frage, wie wir uns nach einem anstrengenden Schultag erholen können. Mich interessiert vielmehr, wie wir den Schulvormittag so gestalten können, dass er uns langfristig weniger Kraft kostet.

Zu dieser Überzeugung bin ich nicht durch eine Fortbildung gekommen. Der Auslöser saß eines Nachmittags neben mir am Küchentisch: Ich machte Hausaufgaben mit meiner Tochter und merkte plötzlich, wie erschöpft ich war. Nicht nach einem besonders schwierigen Tag, nicht nach einem Elternabend oder einer Konferenz, sondern nach einem ganz normalen Schultag.

In diesem Moment wurde mir klar, dass die Schule inzwischen so viel Energie von mir verlangte, dass für meine eigenen Kinder oft nicht mehr die Kraft übrig blieb, die ich ihnen eigentlich schenken wollte.

„A little is a lot“

Ich wollte verstehen, warum so viele Lehrkräfte dauerhaft unter Druck stehen und was im Alltag tatsächlich helfen kann. Deshalb begann ich, mich intensiv mit Stressmanagement auseinanderzusetzen und absolvierte schließlich eine Weiterbildung zur Fachkraft für Stressmanagement.

Zur gleichen Zeit wurde Finnland immer wichtiger in meinem Leben. Mich faszinierte die Natur, die Kultur und vor allem die Haltung, die ich dort immer wieder wahrnahm: Ruhe, Einfachheit, Vertrauen und die Überzeugung, dass kleine Schritte oft nachhaltiger wirken als große Kraftakte.

Je tiefer ich in beide Themen eintauchte, desto mehr Gemeinsamkeiten entdeckte ich. Aus dieser Verbindung entstand schließlich SISUKAS: ein Ansatz, der Stressmanagement mit finnisch inspirierten Haltungen verbindet.

Während einer Fortbildung in Finnland hörte ich vor Kurzem einen Satz, der das alles für mich auf den Punkt brachte. Die Kursleiterin sagte immer wieder: „A little is a lot.“

Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass genau darin der Kern von SISUKAS steckt.

Warum wir jede freie Minute zustopfen

Schule ist voller Reize. Viele Kinder wechseln von einer Aktivität zur nächsten und sind es kaum noch gewohnt, einfach einmal nichts zu tun. Wenn eine Aufgabe beendet ist, kommt oft sofort die Frage: „Was soll ich jetzt machen?“

Dabei sind diese kleinen Momente dazwischen unglaublich wertvoll. Kinder brauchen nicht nur Bewegung, Austausch und Aktivität, sondern auch Gelegenheiten, ihre Gedanken schweifen zu lassen, zu malen, nachzudenken oder einfach einmal zur Ruhe zu kommen.

Dasselbe gilt für uns Lehrkräfte. Viele von uns haben verinnerlicht, dass jede freie Minute sinnvoll genutzt werden muss. Wenn die Klasse ruhig arbeitet, wandert der Blick schnell zum Stapel Hefte auf dem Pult, zu den Materialien für die nächste Stunde oder zu den Dingen, die heute scheinbar noch unbedingt erledigt werden müssen. Sich einfach einmal hinzusetzen, einen Schluck Wasser zu trinken und für einen Moment nichts zu tun, fühlt sich für viele fast falsch an.

Dabei sind genau diese kleinen Momente oft die einzigen Pausen, die wir während eines Schultages haben.

Stille bedeutet deshalb für mich nicht nur, dass es im Klassenraum leise ist. Stille bedeutet auch, dass wir Kindern und uns selbst erlauben, für einen kurzen Moment nichts leisten zu müssen.

Warum mehr nicht automatisch besser ist

Viele Lehrkräfte haben den Anspruch, ihren Schülerinnen und Schülern den bestmöglichen Unterricht zu bieten. Das ist etwas Wunderbares. Gleichzeitig führt dieser Anspruch oft dazu, dass wir immer noch etwas hinzufügen: 

  • noch ein Arbeitsblatt
  • noch eine Differenzierung
  • noch eine Methode
  • noch eine Idee

Ich kenne das selbst.

Viele Jahre habe ich geglaubt, dass guter Unterricht vor allem davon lebt, immer neue Ideen zu haben. Also habe ich Arbeitsblätter überarbeitet, zusätzliche Materialien erstellt und Stunden immer weiter verfeinert. Dasselbe galt für meine Klassenräume. Neue Plakate, zusätzliche Materialien, Dekorationen und immer neue Ideen entstanden mit den besten Absichten.

Heute sehe ich das anders. Kinder müssen jeden Tag unzählige Reize verarbeiten. Ein überladener Klassenraum hilft dabei nicht. Ich frage mich deshalb viel häufiger, was wirklich sichtbar sein muss und was einfach nur zusätzliche Aufmerksamkeit fordert.

Weniger bedeutet nicht schlechter. Weniger bedeutet klarer, ruhiger und übersichtlicher.

Gleichzeitig habe ich mich gefragt, woran sich Kinder eigentlich erinnern. Irgendwann ist mir nämlich aufgefallen, dass die Kinder sich oft gar nicht an die Stunden erinnern, die ich am längsten vorbereitet habe. Sie erinnern sich an ein gutes Gespräch, an gemeinsame Erlebnisse und daran, wie sie sich in einer Klasse gefühlt haben.

Seitdem stelle ich mir häufiger die Frage: Was könnte eigentlich weg? Muss jede Stunde neu erfunden werden? Braucht jede Aufgabe eine aufwendige Gestaltung? Müssen wir wirklich alles machen, was theoretisch möglich wäre?

Entlastung entsteht deshalb nicht nur durch das, was wir hinzufügen. Sie entsteht auch durch das, was wir bewusst weglassen.

Warum gut völlig ausreicht

Dieser Gedanke fällt vielen Lehrkräften vermutlich am schwersten. Mir ging es jedenfalls lange so. Ich hatte oft das Gefühl, alles im Blick haben zu müssen. Jede Kleinigkeit sofort klären zu müssen. Jede Stunde möglichst perfekt vorbereiten zu müssen.

Heute frage ich mich häufiger: Reicht gut nicht längst aus?

  • Wenn ich eine Elternmail schreibe, muss sie nicht perfekt formuliert sein. Sie sollte freundlich, klar und verständlich sein.
  • Wenn eine Unterrichtsstunde solide läuft, muss sie nicht gleichzeitig die kreativste Stunde des Schuljahres sein.
  • Wenn ein Konflikt auf dem Schulhof auftaucht, braucht er eine gute Lösung. Er braucht aber nicht immer sofort die perfekte Lösung.

Natürlich sollen wir unsere Arbeit weiterhin gut machen. Aber zwischen gut und perfekt liegt häufig sehr viel zusätzliche Energie. Manche E-Mails dürfen deshalb mittlerweile bis morgen warten. Manche Ideen müssen nicht sofort umgesetzt werden und manche Unterrichtsstunden dürfen einfach in Ordnung sein.

Gerade darin steckt für mich Vertrauen: das Vertrauen, dass wir auch dann gute Lehrkräfte sind, wenn nicht alles perfekt ist.

Kleine Schritte mit großer Wirkung

Für mich ist genau das der Kern von SISUKAS.

Wir müssen nicht auf die eine große Lösung warten. Wir können heute beginnen:

  • mit einer stillen Minute,
  • mit einer Sache weniger auf unserer langen To-do-Liste
  • oder mit dem Gedanken, dass gut völlig ausreicht.

Lehrergesundheit beginnt mitten im Schulvormittag, denn „A little is a lot.“

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Wer schreibt hier?

Ich bin Christiane Götte, Grundschullehrerin mit fast 20 Jahren Berufserfahrung und Fachkraft für Stressmanagement. Als ich merkte, dass nach einem Schultag oft kaum noch Ener-gie für meine eigenen Kinder übrig blieb, begann ich, mich intensiv mit dem Thema Stress auseinanderzusetzen. Gleichzeitig wurde Finnland zu einer wichtigen Inspirationsquelle für mich.

Aus der Verbindung von Stressmanagement und finnisch inspirierten Werten entstand SISUKAS. Dort zeige ich, wie Entlastung bereits im Schulvormittag möglich werden kann: mit kleinen Veränderungen, die im Alltag wirklich umsetzbar sind.

Mehr über meine Arbeit finden Sie unter www.sisukas.de oder auf Instagram unter @sisukas.teaching.