Lehrerin hilft Schülerin
Unterrichtsstörungen
Veröffentlichung: 11.09.2025

Unterrichtsstörungen positiv begegnen: Praxistipps für den Schulalltag

Wenn Schülerinnen und Schüler im Unterricht stören, fällt ist konzentriertes Arbeiten schwer. Unterrichtsstörungen gezielt zu begegnen, erfordert mehr als nur Sanktionen. In diesem Beitrag zeigt unser Gastautor Christoph Eichhorn, wie Sie durch Anerkennung, kleine Erfolge und eine gelingende Zusammenarbeit mit den Eltern das Lernverhalten positiv beeinflussen können.
Christoph Eichhorn
Christoph Eichhorn
Gastautor

Noah hat im Unterricht oft gestört und nur wenig an seinen Aufgaben gearbeitet. Er wurde häufig ermahnt und erhielt viele Sanktionen. Gleichzeitig wurden seine Lehrkräfte regelmäßig von seinen Eltern kritisiert.

Als eine neue Lehrerin seine Klasse übernahm, beobachtete sie, dass Noah sich bei einer bestimmten Aufgabe immerhin eine Zeit lang ernsthaft bemühte. Auch wenn er letztlich keine Lösung fand, eröffnete sich hier eine große Chance:

Positive Rückmeldung geben

  • Zum Beispiel freundlich ansprechen, eventuell mit einem Lächeln:
    „Noah, ich finde es klasse, dass du versucht hast, dich mit dieser schwierigen Aufgabe auseinanderzusetzen. Viele geben bei so etwas schnell auf – aber du hast eine ganze Weile durchgehalten. Das war richtig gut! Schau, das bringt einen weiter.“
  • Gemeinsam überlegen, was einem das Dranbleiben bringt. Und auch: Welche Nachteile entstehen, wenn man zu früh aufgibt?
  • Nach weiteren Beispielen fragen: „Fällt dir noch eine andere Situation ein, in der du schon mal bei etwas Schwierigem drangeblieben bist?“ (vgl. De Shazer & Dolan, 2024)
  • Später noch einmal Bezug auf das Positive nehmen, z. B. am nächsten Tag: „Weißt du noch gestern, Noah? Da hast du etwas Wichtiges geschafft – du hast dich einer schwierigen Aufgabe gestellt. Ich fand das richtig stark!“
  • Damit rechnen, dass bei einer ähnlichen Aufgabe wieder Unruhe entsteht. Deshalb frühzeitig in seine Nähe gehen, beobachten, was er macht. Schon allein durch die Nähe lassen sich Störungen oft reduzieren. Dann je nach Situation freundlich formulieren, z. B.:
    „Du hast deine Unterlagen schon rausgelegt – prima.“
    Oder: „Du hast ja schon mit Aufgabe 1 angefangen – super, du bist auf einem guten Weg!“'
    Nachfragen, ob er jetzt oder später Unterstützung möchte. Und wenn er konzentriert bleibt, ihn z. B. beim Abschied oder am nächsten Morgen erneut loben.
  • Damit rechnen, dass er wieder stört. Ihn dann freundlich daran erinnern, dass er es schon besser gemacht hat:
    „Noah, gestern hast du das schon richtig gut gemacht. Mach es heute wieder so – das bringt dich weiter!“
  • Eine kleine Belohnung kann helfen, z. B. eine persönliche Anerkennungskarte, auf der steht, was ihm gut gelungen ist und welche Vorteile das hat. Vielleicht finden sich Kolleginnen und Kollegen aus anderen Klassen, die ähnliche Karten erstellen – mit Textbausteinen wie im Beispiel oben unter „Zum Beispiel freundlich ansprechen“ genannt. Solche Karten lenken den Blick auf Fortschritte. Vorschlagen, die Karte sichtbar auf den Tisch zu legen. 
    Mehr zum Thema erfahren Sie im Beitrag "Schülermotivation: Wie Sie Schüler richtig belohnen"
  • Mit ihm darüber sprechen, dass Fortschritte Zeit brauchen und es immer mal wieder passieren kann, dass man scheitert. Ihm mitteilen, dass auch im Sport nicht immer alles klappt, selbst bei Top-Athleten. Ihm z. B. anbieten, beim Fernsehen darauf zu achten, was Sportlern nicht ganz gelingt bzw. wo sie was falsch machen, z. B. beim Tennis, Fußball, Eishockey usw. Ziel: Dass er sich wegen seinen Problemen weniger abwertet, sondern Fehler als etwas Normales sieht.  
  • Eine „Ich hab’s geschafft“-Tabelle (vgl. Eichhorn, 2025) einführen. Gegenüber Schülerinnen und Schülern kann man sie „Meine ich hab’s geschafft-Tabelle“ nennen:

    Datum / Stunde Da ist mir etwas sehr Wichtiges gelungen: Ich bin bei einer schwierigen Aufgabe drangeblieben. Das hat mir dabei geholfen
    • Darauf hinweisen, dass es manchmal schwierig ist, die letzte Spalte auszufüllen. „Mach dir keinen Kopf, wenn dir dazu nichts einfällt.“
    • Einen Zeitpunkt vereinbaren, an dem man die Tabelle gemeinsam durchgeht – evtl. auch mit Einverständnis der Eltern.
    • Wenn wieder erkennbar ist, dass Noah sich bemüht und dranbleibt, dann erneut wertschätzen und fragen, wie er das geschafft hat – und wie er sich selbst dafür Anerkennung geben kann.
    • Mit Kolleginnen und Kollegen im Team besprechen, wie auch sie Noah Aufgaben stellen können, bei denen er Erfolgserlebnisse hat. Diesen Artikel als Gesprächsgrundlage verwenden.
    • Gemeinsam mit einer Fachperson auf seine Gefühle eingehen, z. B.:
      „Noah, wir wünschen uns, dass du dich in der Klasse wohlfühlst. Ist es für dich belastend, wenn du eine Aufgabe nicht lösen kannst oder eine schlechte Note bekommst?“ (vgl. Eichhorn, 2025)
      Ziel: Strategien finden, damit er besser mit solchen Situationen umgehen kann.
    • Wenn er mehrere Aufgaben erfolgreich bewältigt, ihm eine neue „Ich hab’s geschafft“-Tabelle geben, um weitere Erfolge zu dokumentieren.

Zusammenarbeit mit den Eltern stärken

  • Schritt 1: Heben Sie hervor, was das Kind in letzter Zeit besser gemacht hat.
  • Schritt 2: Vermitteln Sie Zuversicht: „Ich bin zuversichtlich, dass Noah es schaffen kann, sich weiter zu verbessern.“
  • Schritt 3: Signalisieren Sie Ihre Bereitschaft zu helfen: „Ich habe mir Gedanken gemacht, wie ich Noah unterstützen kann.“
  • Schritt 4: Die Eltern als Experten ihres Kindes einbeziehen: „Sie kennen Noah am besten und wissen, was ihm hilft. Ich würde mich freuen, mich mit Ihnen auszutauschen, welche Möglichkeiten ich sehe, ihn zu fördern.“ (vgl. Eichhorn, 2025)

Ziel des Vorgehens:

Noah dabei unterstützen, ein positiveres Bild von sich selbst zu entwickeln. Wenn Kinder viele Misserfolge erleben, entsteht schnell ein negatives Selbstbild: „Ich bin zu dumm, solche Aufgaben schaffe ich nie.“

Das führt dazu, dass sie solche Aufgaben meiden – was wiederum die Fähigkeiten hemmt und das Selbstbild weiter negativ beeinflusst.

Literatur

  • De Shazer, S., Dolan, Y (2024): Mehr als ein Wunder: Lösungsfokussierte Kurztherapie heute. Heidelberg. Carl-Auer Verlag GmbH. 9. Edition.
  • Eichhorn, C. (2025): Eskalation im Unterricht: Unterrichtsstörungen, Beleidigungen und Gewalt erfolgreich eingrenzen. Stuttgart, Klett-Cotta.
Das könnte Sie auch interessieren
Störungsfreier Unterricht: Regeln für die Smartphonenutzung und die Handygarage in der Schule
Smartphone
Unterrichtsstörungen
Handygarage in der Schule
Bettina Kroker | 06.03.2025
Störungsfreier Unterricht: Regeln für die Smartphonenutzung und die Handygarage in der Schule
Smartphones sind aus dem Alltag von Schülerinnen und Schülern nicht mehr wegzudenken, im Unterricht aber oft störend und ablenkend. Klare Regeln und Aufbewahrungslösungen, wie eine Handygarage oder ein Handyparkplatz, können hier Abhilfe schaffen.
Weiterlesen
Spicken und Abschreiben in der Schule verhindern
Unterrichtsstörungen
Klassenarbeiten
Schüler tauschen Zettel aus
Bettina Kroker | 25.02.2025
Spicken und Abschreiben in der Schule verhindern
Hier finden Sie 10 Tipps, wie Sie die Wahrscheinlichkeit verringern können, dass Kinder erfolgreich abschreiben oder spicken.
Weiterlesen
Verlorene Zeit durch Unterrichtsstörungen
Unterrichtsstörungen
Zeitmanagement
Schüler tuscheln miteinander
Bettina Kroker | 14.11.2023
Verlorene Zeit durch Unterrichtsstörungen
Viele kleine Unterrichtsstörungen summieren sich und kosten Unterrichtszeit. Es gibt aber einige Methoden, mit denen Lehrkräfte verlorene Zeit nachholen und Schülerinnen und Schüler motivieren können, konzentriert und rücksichtsvoll am Unterricht teilzunehmen.
Weiterlesen
10 Tipps für junge Lehrerinnen & Lehrer: Gegenseitiger Respekt in der Lehrer-Schüler-Beziehung
Unterrichtsstörungen
Kinder auf dem Gang im Schulgebäude
Bettina Kroker | 19.10.2023
10 Tipps für junge Lehrerinnen & Lehrer: Gegenseitiger Respekt in der Lehrer-Schüler-Beziehung
Zu Beginn des Referendariats ist der Altersunterschied zu den Schülerinnen und Schülern der oberen Klassenstufen meist nicht sehr groß. Vielleicht ähneln sich zudem Hobbys, Kleidungsstil und Musikgeschmack. Trotzdem müssen Sie jetzt die Rolle einer Autoritätsperson übernehmen. Für gegenseitigen Respekt sind andere Punkte viel wichtiger, die wir Ihnen hier vorstellen möchten.
Weiterlesen
ADHS in der Schule: Herausforderungen und Lösungsansätze
Lernschwächen
Schülerförderung
Unterrichtsstörungen
Hauptmerkmale von ADHS
Johannes Streif | 22.06.2023
ADHS in der Schule: Herausforderungen und Lösungsansätze
ADHS hat nicht nur Auswirkungen auf das alltägliche Leben, sondern auch auf den Schulalltag von betroffenen Kindern und Jugendlichen. Im Interview gibt Dr. Johannes Streif, stellvertretender Vorsitzender ADHS Deutschland e.V., wertvolle Informationen und zeigt auf, wie Lehrerinnen und Lehrer einen positiven Einfluss auf das Lernverhalten von Kindern mit ADHS nehmen können.
Weiterlesen
Trinken im Unterricht
Essen & Trinken
Klassenzimmer
Unterrichtsstörungen
Schülerin trinkt aus Flasche
Bettina Kroker | 11.08.2022
Trinken im Unterricht
Erlauben Sie Ihren Schülerinnen und Schülern, im Unterricht zu trinken? Einigkeit herrscht bei diesem Thema nicht. Selbst wenn beide Parteien die Argumente der anderen Seite nachvollziehen können: Für die einen ist das Trinken im Unterricht in erster Linie ein potenzieller Störfaktor, für die anderen überwiegt die positive Wirkung auf Konzentrationsfähigkeit und Gesundheit.
Weiterlesen
Was tun bei Störungen im Online-Unterricht?
Digitalisierung
Unterrichtsstörungen
Verzweifelte Frau vor Laptop
Bettina Kroker | 11.02.2021
Was tun bei Störungen im Online-Unterricht?
Keine Frage, die größte Störung des Online-Unterrichts geht häufig von der instabilen oder nicht vorhandenen Technik aus. Doch auch Unterrichtsstörungen durch die Schülerinnen und Schüler finden nicht nur im Präsenz-, sondern auch im digitalen Distanzunterricht statt. Auf was Sie vorbereitet sein sollten und wie Sie damit umgehen können, erfahren Sie hier.
Weiterlesen
Unterrichtsstörungen
Lärm im Klassenzimmer
Unterrichtsstörungen
Schüler tuscheln miteinander
Bettina Kroker | 27.07.2020
Unterrichtsstörungen
Unterrichtsstörungen kosten Lehrerinnen und Lehrer täglich Zeit und Nerven. Doch wie kann man mit Unterrichtsstörungen umgehen oder sie am besten ganz vermeiden? In diesem Beitrag erfahren Sie mehr zum Thema "Weniger Unterrichtsstörungen durch effizientes Classroom Management".
Weiterlesen
Zuhören lernen: Tipps zu Verbesserung der Zuhörfähigkeit von Schülern
Lärm im Klassenzimmer
Unterrichtsstörungen
Kinder lernen aufmerksam
Bettina Kroker | 05.03.2020
Zuhören lernen: Tipps zu Verbesserung der Zuhörfähigkeit von Schülern
„Können Sie noch mal sagen, was wir machen müssen?“ Diese und ähnliche Fragen kommen Ihnen sicher bekannt vor. Auch, dass Schülerinnen und Schüler sie nicht selten stellen, wenn Sie schon mehrfach gesagt haben, was zu tun ist. Warum fällt es vielen Kindern so schwer, zuzuhören? Und was können Sie tun, um sie beim Zuhören lernen zu unterstützen?
Weiterlesen
Spicken Teil 2: Die besten Spickzettel-Tricks Ihrer Schüler
Unterrichtsstörungen
Klassenarbeiten
Schülerin spickt
Bettina Kroker | 19.08.2019
Spicken Teil 2: Die besten Spickzettel-Tricks Ihrer Schüler
Vom klassischen Spickzettel bis zur digitalen Schummeltechnik: Der Beitrag zeigt, mit welchen Tricks Schülerinnen und Schüler heute mogeln und worauf Sie als Lehrkraft achten sollten. Sie erhalten einen Überblick über typische Spicker, kreative Verstecke und moderne Technologien, um Täuschungsversuche frühzeitig zu erkennen und fair zu reagieren.
Weiterlesen
Verhaltensregeln lernen mit dem KlasseKinderSpiel
Interaktives Lernen
Klassenorganisation
Unterrichtsstörungen
Kindergruppe in Trikots
Bettina Kroker | 21.05.2019
Verhaltensregeln lernen mit dem KlasseKinderSpiel
Der Übergang vom Kindergarten in die Schule ist für viele Kinder herausfordernd: Neue Regeln, Struktur und Erwartungen müssen erst gelernt werden. Das KlasseKinderSpiel unterstützt Grundschüler spielerisch dabei, Verhaltensregeln einzuhalten, fördert Aufmerksamkeit und Zusammenarbeit und reduziert Unterrichtsstörungen – gut für Kinder und Lehrkräfte gleichermaßen.
Weiterlesen

Wer schreibt hier?

Christoph Eichhorn war Lehrer und Schulpsychologe. Er publizierte zum Thema „Classroom-Management” in China, Südkorea, England, Deutschland, der Schweiz und Österreich. An 18 Universitäten und 21 Pädagogischen Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gab er Workshops und Webinare.