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Aktualisiert: 21.10.2025

Digitale Medien im Fremdsprachenunterricht: Chancen, Grenzen und Praxisideen

Digitale Medien im Fremdsprachenunterricht bieten viele Chancen: Sie fördern individuelles, selbstständiges Lernen, Lernautonomie und Motivation. Der Gastbeitrag zeigt, wie Lehrkräfte neue Medien sinnvoll einsetzen, welche Lernziele sich eignen und welche Grenzen und Fallstricke zu beachten sind.
Battal Kalan
Battal Kalan
Gastautor

© Robert Kneschke / Fotolia.com    

Megatrends wie Globalisierung und Individualisierung beschleunigen die Transformation beinahe in allen Lebensbereichen.
Die Suche nach Neuerfindung oder stetiger Anpassung ist eine Konstante geworden. Entwicklungen, welche die Ökonomisierung des Lernens erreichen möchten und damit den Einsatz von neuen Medien in Klassenräumen beschleunigen, schlagen sich immer stärker in der Bildung nieder (Rösler & Würffel, 2018, S. 1).

Die Rolle der neuen Medien im Fremdsprachenunterricht

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten digitaler Medien im Unterricht

Die Einsatzmöglichkeiten der neuen Medien sind heutzutage vielfältig.

Als Einstieg in ein Thema können zum Beispiel Bilder, Videos oder Tonaufnahmen eingesetzt werden.
YouTube, Smartphone, KI-gestützte Tools, Sprachlern-Apps oder Onlinekurse im Internet fördern das selbstständige Lernen. Die Lernprodukte können einfach gespeichert und miteinander getauscht werden.
E-Mail, Chats oder Social Media können im Unterricht, unterwegs, am Arbeitsplatz oder zu Hause eingesetzt werden, um produktive und rezeptive Fertigkeiten zu fördern.

Darüber hinaus bereiten digitale Medien die Sprachlernenden auf die Anforderungen der Gesellschaft und Wirtschaft vor. Denn die eingangs erwähnten Entwicklungen verlangen von Individuen u. a. ständiges, reflektives und flexibles Lernen, Problemlösungsfähigkeit, Teamfähigkeit und Medienkompetenz. 

Durch das ortsunabhängige und zeitflexible Lernen mit digitalen Medien wird die Flexibilitätsfähigkeit antrainiert und das Gelernte kann zeitnah und unmittelbar umgesetzt werden. Das Internet ermöglicht es, dass Lehrende und Lernende ortsunabhängig miteinander kommunizieren können und gemeinsam an Aufgaben arbeiten.“Oder es werden Ergebnisse aus dem Klassenzimmer direkt und ohne großen Aufwand präsentiert und bei Bedarf nach außen transportiert (Würffel, 2018).“

Individualisiertes Lernen und Chancengleichheit

Zudem ermöglichen die neuen Medien ein individualisiertes Lernen. Die Lernenden können die Lerninhalte und das Lerntempo mitbestimmen und sie auf eigene Bedürfnisse und Niveaus anpassen. Somit werden mitunter unterschiedliche Lerntypen angesprochen und unterschiedliche Kanäle wie Lesen, Hören und Sehen einbezogen (Wicht, 2010, S. 174). Nicht zuletzt wird damit die Lernautonomie gefördert.

Im besten Fall können Onlinemöglichkeiten zur Chancengleichheit beitragen, da Informationen nun über das Internet für mehr Menschen an unterschiedlichen Orten, in unterschiedlichsten Situationen zugänglich sind. Somit wäre eine autodidaktische Weiterbildung auch in abgelegenen oder armen Gegenden möglich. Diese Möglichkeit bedingt aber ein Minimum an technischen Ressourcen wie Internet, Computer oder Smartphone.

Voraussetzungen für den erfolgreichen Einsatz

Trotz dieser Rollenerfüllung zeigen die wenigen empirischen Befunde, dass der Einsatz digitaler Medien gegenüber traditionellem Unterricht zu keinem signifikant besseren Sprachlernerfolg beiträgt (Freudenstein, 2007, S. 398). Damit die sie ihre Rolle erfüllen und deren Potential ausgeschöpft werden kann, müssen aus meiner Sicht folgende Rahmenbedingungen gegeben sein:

  • Sprachinstitutionen müssen die technischen, personellen und finanziellen Ressourcen bereitstellen und eine innovative Kultur vorleben. Die Sprachinstitutionen müssen sich stetig weiterentwickeln und Wissensmanagement im Bereich des Sprachunterrichtes aktiv mitgestalten.
  • Die Lehrenden müssen offen gegenüber Innovationen sein und sich ständig weiterbilden und digitale Medien im Unterricht einsetzen.
  • Die Lernenden müssen Raum und Möglichkeit haben, entsprechend ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten digitale Medien einzusetzen. D. h., der Zugang zu den Medien muss garantiert sein. Gemäß Da Rin (2018), können „die Lernwirksamkeit multimedialer Lernangebote ihre Wirkungen nur dann entfalten, wenn sie im Rahmen geeigneter lern- und lehrtheoretischer Überlegungen verwendet werden und dabei auch die Lernvoraussetzungen von der Zielgruppe und die Lerninhalte sorgfältig berücksichtigt werden.“ Solange diese Rahmenbedingungen fehlen, werden die neuen Medien keinen signifikanten Beitrag an den Lernerfolg beitragen.

Lernziele und Einsatzmöglichkeiten digitaler Medien

Wie oben beschrieben, ermöglichen digitale Medien Lernenden, ihre Lernziele, Lerninhalte und ihr Lerntempo selbst oder mit zu bestimmen. Doch nicht alles lässt sich mit den neuen Medien unterrichten. Haptische und motorische Fähigkeiten und soziale Kompetenzen lassen sich so beispielsweise schlecht vermitteln.

Die Grundlagen der Empathie- und Konfliktfähigkeit können durchaus vermittelt werden – doch die Fähigkeit an sich kann nur im Austausch mit Menschen vermittelt/erfahrbar gemacht werden (Wicht, 2010, S. 176).

Mit neuen Medien können Lernziele, die die kognitiven Fähigkeiten ansprechen, gemäß der Taxonomie von Bloom am besten vermittelt werden. Wie im unten stehenden Abbild aufgezeigt, lassen sich die Lernziele in den unteren zwei Taxonomien sehr gut durch neue Medien vermitteln.

Je höher die Taxonomiestufe, desto geringer ist der Anteil, der durch digitale Medien abgedeckt werden kann, weil „die folgenden 4 Stufen einen höheren Differenzierungs- und Vernetzungsgrad aufweisen und deshalb vermehrt die Kommunikation zu physisch anwesenden Mitlernenden voraussetzen“ (Wicht, 2010, S. 176). In diesen Stufen ist das sogenannte „Blended Learning“, eine Kombination von virtuellem Lernen und Präsenzlernen, sinnvoll (Rösler, 2007, S. 45ff).
Schaubild zum Thema neue Medien
Abbildung 1: Taxonomie kognitiver Lernziele, vgl. Anderson et al. (2001); revidierte Taxonomie von Bloom; zit. nach: https://dbs-lin.ruhr-uni-bochum.de – leicht modifiziert.

Nachteile und mögliche Gefahren

Selbstverständlich gibt es auch Gefahren durch die digitale Medien. Diese Aspekte treten dann verstärkt auf, wenn man für den Unterricht rein auf diese als Kommunikations- und Vermittlungsmedium setzt.

Gefühle, Geruch, Mimik und Gestik können durch digitale Medien nicht vermittelt werden. Doch diese Aspekte sind mindestens so wichtig wie das reine Sprachenlernen. Gruppendynamische Effekte fehlen ohne die soziale Präsenz von unterschiedlichen Charakteren in einem Raum und somit oft auch soziale Interaktionen und Kontakte. Auch die Präsenz der Teilnehmenden ist schwieriger zu fassen, wenn alle in ihre Geräte schauen. Präsenz kann nur durch aktives Mitwirken festgestellt werden. Doch ein gelungenes Lernen beansprucht auch passive Präsenzzeit, weil man vielleicht gerade nachdenkt oder etwas aufschreibt.

Die Abhängigkeit der Beteiligten von der Technik ist erhöht und man muss ständig neue Technologien evaluieren und in sie investieren. Somit nimmt der Ökonomisierungsgrad der Bildung rasant zu. Es werden viele Ressourcen (Zeit und Geld) in die neuen Medien gesteckt, die wiederum in anderen Bereichen fehlen. Lehrpersonen müssen sich ständig updaten und werden durch die neuen Medien zu Coaches „degradiert“.

Neue Medien eigenen sich schlecht für komplexe Themen. Zudem setzen sie ein Grundwissen und Fertigkeiten voraus, die von Lernungewohnten nicht erfüllt werden können. Weiter sind das Überangebot und die Flut an Informationen zum Teil irreführend. Es wird schwieriger, adäquate und richtige Quellen in nützlicher Zeit zu finden.

Was sind digitale bzw. neue Medien?

Definition

Als Medien werden in der Fremdsprachendidaktik alle Lehr- und Lernmittel, die als Informationsleiter dienen, verstanden (Storch, 2008, S. 271). Die oben erwähnten Entwicklungen haben in den letzten Jahren neue Begriffe hervorgebracht, wie zum Beispiel die Bezeichnungen „Neue Medien“, „Digitale Medien“, „E-Learning“ und „Webbasiertes Lernen“. „Virtuelles Lernen“ oder „Web 2.0“ sind kaum voneinander zu unterscheiden (Wicht, 2010, S. 172) und es gibt zahlreiche Definitionen dafür.

Eine aus meiner Sicht zusammenfassende und valable Definition kommt von Freudenstein, der die neuen Medien als Ergebnis der technologischen Entwicklung bezeichnet, die in Form von Computer, Smartphones und Tablets – mithilfe von Internet – die Informationsvermittlung bereitstellen und ein interaktives Lernen fördern (Freudenstein, 2007, S. 395).

Beispiele für neue Medien

Gemäß diesem Begriff zählen u. a. Internet, Smartphones, Erklär-Videos, E-Mail, WhatsApp oder sonstige Lern-Apps, Tablets, soziale Netzwerke wie Blogs, Wikis, Facebook, PowerPoint, eine Touchscreen-Tafel, Streaming-Kanäle und QR-Codes zu den Lernmedien. Mit Cloudlösungen wie OneDrive oder Dropbox tauschen und teilen BenutzerInnen Informationen oder bearbeiten gleichzeitig dasselbe Dokument.

Zeitliche Perspektive

Es soll auch erwähnt sein, dass die neuen Medien immer in der jeweiligen Zeit neu sind. Die zukünftigen neuen Medien werden bestimmt völlig anders aussehen und anderes können. In diesem Beitrag bin ich bewusst nicht auf die Entwicklungen eingegangen, die das menschliche Bewusstsein und die Aufnahmefähigkeit erweitern. Doch es werden zukünftig neue Medien auftauchen, die wir heute so gar nicht kennen. Ihre erweiterte Fähigkeit, große Datenmengen in kurzer Zeit aufzunehmen, zu analysieren und nützlich zur Verfügung zu stellen, können somit interessant fürs Lernen, speziell für das Fremdsprachenlernen, sein.

Wenn dies der Technik und der Wissenschaft gelingt, so könnte man z. B. je nach Gebrauch die Sprachspeicherbausteine austauschen und somit fremde Sprachen durch ein Medium entweder ables-, hör- und nachsprechbar oder gar über ein unter der Haut implantiertes Medium stärker nachempfindbar machen. Solche Entwicklungen werden einen disruptiven Einfluss auf die heute gängigen Lernformen haben.

Fazit

Die aktuellen Trends bringen neue Formen des Lernens hervor. Die zukünftigen Trends werden wiederum noch neuere Formen des Lernens hervorbringen, dessen wir uns heute gar nicht bewusst sind. Es ist wichtig, sich mit der Thematik „Neue Medien“ auseinanderzusetzen und die neuen Entwicklungen aufgrund vom didaktischen Nutzen kritisch zu hinterfragen.

Damit die erwähnten positiven Effekte auftreten, müssen die Institutionen die Rahmenbedingungen setzen und die Lehrenden offen für die Veränderungen sein. Die Medien sollen die Lernziele taxonomiegerecht unterstützen, und auch mit den neuen Medien muss der Unterricht seriös vorbereitet sein.

Im besten Fall sollten die Lernenden an der Unterrichtsentwicklung und -vermittlung durch die neuen Medien miteinbezogenen werden. Somit wird die Motivation gesteigert und die Lernautonomie gefördert.

Digitale Medien bieten auch die Möglichkeit, dass manchmal jüngere Lernende besser über etwas Bescheid wissen als die Lehrperson und es somit zu einem gegenseitigen Lernen voneinander kommen kann. Das stärkt mitunter eine gute Diskussionskultur, was nicht nur dem Sprachenlernen gut tut, sondern auch der Gesellschaft allgemein.

Damit die negativen Aspekte gemindert werden, ist eine behutsame Integration der neuen Medien zu verfolgen. Womöglich soll das „Blended Learning“ bevorzugt werden. Lernen war und ist eine Beziehungsgestaltung. Damit das so bleiben kann, müssen die neuen Medien Enabler sein und nicht Ökonomisierer.
Literaturverzeichnis
    • Bloom, B., & al, e. (20. 12 2018). https://www.redlands.edu. Von https://www.redlands.edu/globalassets/depts/student-affairs/csl/bloom_taxonomy.pdf abgerufen
    • Da Rin, D. (20. 12 2018). http://www.akdaf.ch. Von http://www.akdaf.ch/html/rundbrief/rbpdfs/53_neue_medien.pdf abgerufen
    • Freudenstein, R. (2007). Unterrichtsmittel und Medien: Überblick in Lehr- und Lernmaterialien und Unterrichtsmedien. In K.-R. Bausch, H. Christ, & H.-J. Krum, Handbuch Fremdsprachenunterricht (S. 395–399). Tübingen: Francke.
    • Rösler, D. (2007). E-Learning Fremdsprachen: eine kritische Einführung . Stauffenburg.
    • Rösler, D., & Würffel, N. (20. 12 2018). https://www.hueber.de. Von https://www.hueber.de/sixcms/media.php/36/978-3-19-669183-2_Muster_1.pdf abgerufen
    • Storch, G. (2008). Medien. In G. Storch, Deutsch als Fremdsprache – Eine Didaktik (S. 271-282). München: Fink.
    • Walzik, S. (20. 12 2018). https://dbs-lin.ruhr-uni-bochum.de. Von https://dbs-lin.ruhr-uni-bochum.de/lehreladen/planung-durchfuehrung-kompetenzorientierter-lehre/kompetenz-pruefen/lernzieltaxonomien/ abgerufen
    • Wicht, G. (2010). E-Learning und Neue Medien in der betrieblichen Aus- und Weiterbildung . In C. Negri, Angewandte Psychologie für die Personalentwicklung (S. 170-187). Berlin: Springer.
    • Würffel, N. (20. 12 2018). https://www.scook.de. Von https://www.scook.de/widget/scook/weiterwissen/ratgeber/medienkompetenz/776 abgerufen
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